Klappe die Nächste!
Guten Tag,
Mittlerweile sind wir schon in Matupá angekommen und fast eingelebt.
Gut geht´s uns auf jeden Fall, wenn ich unsere letzte Woche beschreibe werdet ihr verstehen warum! Vom Busbahnhof wurden wir von Michelle abgeholt, bei der wir nun wohnen. Sie und ihr Mann Kiko haben hier ein wunderschönes Haus mit Garten und Veranda. Da sie auch junge Hunde haben, wurde extra die Veranda eingezäunt und am ersten Tag kam direkt noch der Handwerker, der für uns Haken in die Wände schraubte, damit wir uns in der Hängematte räkeln können. Wir haben hier ein superschönes Zimmer, in dem wir zusammen wohnen dürfen. Michelle und Kiko sind zum Glück nicht so streng religiös, dass wir dafür erst verheiratet sein müssen. Es kommen allerdings jeden Tag zwei Frauen (wir glauben es sind Mutter und Tochter) zu uns, die hier saubermachen. Es wird jeden Tag ordentlich geschrubbt, aufgeräumt, gespült, unser Bett gemacht und unsere Wäsche gewaschen. Mit Mühe und Not dürfen wir manchmal unser Bett selber beziehen, oder unser Geschirr abwaschen. Es ist verrückt! Am ersten Tag wurden wir natürlich überall präsentiert! Im Sozialzentrum, in dem Agnes arbeitet, im Schwesternhaus, in dem wir mit den Agnes Kolleginnen zusammen aβen und bei den Nachbarn von Michelle und Kiko. Ich (Sophia) habe am Dienstag schon mit einer Frauengruppe lokale Nudel und Teigspezialitäten hergestellt und durfte auch unsere selbstgemachten Nudeln mit nach Hause nehmen. Unsere Tätigkeit wurde zwischendurch auch mal durch einen Stromausfall unterbrochen und die unverordnete Pause mit Frage und Antwort Spielchen genutzt. Beni war schon lange unterwegs, da sich hier in Matupá einige Leute gefunden haben, die gerne Gitarrenunterricht nehmen wollen und er konnte bereits seine erste Stunde geben. SO lief es dann auch weiter....Während ich (Sophia) mit einer Handarbeitslehrerin (die auch so war wie man sich eine Handarbeitslehrerin vorstellt) eine Knüpf/Knotentechnik nahmens Macramé lernte (@ Inga: da kann ich einiges zu deinem Geschäft beisteuern) war Beni schon wieder unterwegs und gab Unterricht. Nächste Woche werde ich mit Agnes sticken lernen ( ich werde hier noch alles nachholen, was es in meiner Schulzeit in Deutschland schon nicht mehr gab!!) Aber hier ist Handarbeit den Frauen einfach auch nützlich, weil sie sich damit Geld dazu verdienen können, wenn sie die selbstgemachte Sachen wieder verkaufen können!
Achja, Churrasco haben wir natürlich auch schon veranstaltet, am extra eingerichteten Churrasco Auβengrill! Am Donnerstag waren dann noch Freunde von Michelle und Kiko zu Besuch, mit dem gerade neuen, 2 Wochen alten Bebézinho Marianna! Mein Gott hatte die schon Haare! War aber den ganzen Abend gut zufrieden und wir konnten Pizza brasilianischer Art und natürlich nocheinmal Bolo de Cebola ( Zwiebelkuchen) geniessen. Wieder einmal sehr gut angekommen! Wir müssen auch immer schön fürs Essen bezahlen, aber nur mit Musik! So spielen wir dann erfreut auf und fragen uns ob das nicht in Deutschland auch funktionieren könnte ;). Freitag hat mit die Kollegin von Agnes eine Ganzkörpermassage gegeben, vom kleinen Zeh bis zum Scheitel und da ich mich auf unerklärliche Weise erkältet habe, bin ich danach in der Hängematte eingeratzt und habe erstmal den ganzen Nachmittag verschlafen. Beni gings genauso und jetzt kurieren wir gerade beide ein bisschen vor uns herum. Abends waren wir mal wieder bei den Nachbarn, weil am Wochenende immer der Hausherr von seiner Fazenda zurückkehrt, die 160 km entfernt liegt. Ein richtiger Cowboy also, der jeden Tag um 4 Uhr aufsteht und seine Morgen mit dem Pferd besichtigt und die Tiere mit dem Lasso fängt! Heute Morgen waren wir dann beim Japonese, (mehr oder weniger der einzige Japaner in der Gegend, deswegen kennen ihn alle unter dem Namen ´Japaner`) Er hat in der Nähe von Matupá eine Farm auf der er alle Sorten von Früchten anbaut und verkauft. Wir fuhren also durch Reihen von Bananenbäumen, Ananasbüscheln (die in der Erde wachsen und nur die Blätter schauen heraus) und Kokospalmen zur Farm und kauften eine Kiste Maracujás und eine Tüte Mamãos (bei uns Papaya) für 15 Reais! Danach sind wir noch schnell in Agnes Homäopathie Apotheke geflitzt und haben uns ein selbsthergestelltes Salbeiextrakt mitgeben lassen, das wir nun dreimal täglich gegen unsere Erkältung schlürfen! Im Sozialzentrum befindet sich nämlich ein riesiger Garten mit allen möglichen Heilpflanzen, aus denen Agnes und einen andere Schwester natürliche Medikamente herstellen.
Am Wochenende waren wir noch mit Agnes in Peixoto, einer gröβeren Stadt in der Nähe. In der Umgebung gibt es immernoch Goldvorkommen (und Sucher) und so war Peixoto bis vor 15 Jahren noch eine richtige Goldgräberstadt ohne geteerte Strassen, mit Pferden und Karren und Cobwoys , die sich in der Stadt mit ihrem kurzfristig gewonnenen Reichtum eine Bleibe bauten. Nachdem der Strom der Sucher abgeebbt war, verlieβen ca. 70 % der Leute Peixoto und hinterlieβen eine Geisterstadt. Die Häuser verfielen, Hotels wurden geschlossen und nur langsam kehrte wieder Leben ein. Heute ist immernoch nur die Hauptstraβe , die mitten durch die Stadt führt, geteert. Hier sieht es schon ziemlich modern aus, rechts und links finden sich immer wieder Klamotten- oder Schuhgeschäfte. Aber als wir mit Donna Menina (Agnes 20 Jahre altem VW) durch die Schlaglöcher der Seiten“strassen“ kurvten, kamen wir zwar ohne Blessuren davon, erhielten aber einen Eindruck wie man sich die Stadt im verlassenen Zustand vorstellen kann. Mittlerweile haben andere Leute die verlassenen Häuser bezogen, aber viele stehen immernoch leer und bieten eine klassische Westernkulisse, mit gesprungenen Glasfenstern, längst erloschenen „HOTEL“ Schildern, tiefgebräunten Männergesichtern auf ausgemärgelten Pferden sitzend umgeben vom umherwehenden, roten Sand. Es fehlt nur das Grasbüschel, das vom Wind angetrieben durch die Stadt rollt.
Mittlerweile ist schon wieder Dienstag. Beni und Ich machen einen Malkurs!! Alle paar Minuten erklärt die Lehrerin einen Strich mit den Worten „Sem medo, ser feliz!“ (Ohne Angst, sei glücklich!)Ist das nicht schön!
Ja, Beni malt, und wie! Es macht ihm sogar Spaβ! Jetzt sitzen wir jeden Tag von 7- 11 und von 13- 17 Uhr im Sozialzentrum und malen die schönsten Sachen! Um 10.30 Uhr hauen dann die ersten Frauen ab, weil sie zu Hause Mittagessen machen müssen. Was uns zur folgenden, etwas komplizierteren Situation für uns, führt. Wir sind hier in einer Stadt, oder einem Teil des Landes gelandet, indem die Emanzipation so ca 20-30 Jahre hinterherhinkt. Was sich wie folgt niederschlägt: Im Haus von Michelle und Kiko ist die Frau für alles zuständig! Sie macht das Essen, deckt den Tisch, räumt auf, putzt, wäscht und zu guter letzt tut sie ihrem Mann noch das Essen auf den Teller und schüttet ihm die Getränke ein. Und das ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern Regel. Ich kann gar nicht so richtig beschreiben, wie wir uns hier manchmal fühlen. Es gibt immer wieder tolle Abende, an denen zum Beispiel die Nachbarn und Tante Agnes zu Besuch kommen und wir musizieren und singen bis in die Nacht. Da kann es auch schonmal passieren, dass Kiko mir auch ein Bier anbietet...
Wir gehen auf jeden Fall im Moment so damit um, dass wir hier die Mär verbreiten, dass die Männer in Deutschland im Haushalt mithelfen. ( Worauf Michelle mit groβem Erstauenen reagierte und es allen Freunden und Bekannten erzählte...) Wir haben sogar auch schon erzählt, dass wir Männer in Rio getroffen haben, die dasselbe tun. Diese Information wurde noch ungläubiger aufgenommen.
Aber diese Diskriminierung der Frau im Alltag ist hier so gegenwärtig, wie es das veraltete (total überflüssige) Gehabe der Männer ist. So setzt sich Kiko jeden Mittag an den gemachten Tisch, zeigt Michelle einen erhobenen Daumen, wenn‘s ihm schmeckt, und verschwindet danach ins Schlafzimmer. Wenn wir abends gemeinsam den Tisch abräumen, liegt er schon längst auf dem Sofa vor dem Fernseher. Noch krasser ist, dass Michelle uns erzählt hat, dass die Familie, bzw. seine Mutter, die Michelle wegen ihrer Hautfarbe nicht mag (sie ist schwarz), ihm eingeredet hat, sie dürfte nicht studieren gehen! Zum Glück hat sie sich da durchgesetzt! Es ist so verrückt!
Beni ist wirklich ein Goldstück und lebt ein absolutes Exempel an Vorbildlichkeit. Wir helfen Michelle jeden Tag zusammen beim Essen machen, Tisch decken und Abwaschen. So wie es einfach nett ist , wenn man zu Gast ist und sich mag. Doch Kiko kann nicht über seinen Schatten springen. Als wir ihm vorschlugen, doch einmal in der Woche seine Frau zu entlasten und Essen zu machen, hob er nur den Zeigefingen und bewegte ihn von links nach rechts. Was soviel bedeuten soll wie „Nein!“ Ich sehne mich gerade wirklich ab und zu nach unserer Umgebung in Deutschland wo ein Zusammenleben unter moderneren Umständen möglich ist! Wie sehr ich jetzt zu schätzen weiβ, wie weit Deutschland in Fragen der gelebten Emanzipation schon ist, kann ich gar nicht sagen. Auβerdem ist es sehr gut, dass Beni hier ist und Kiko mal zeigt, wie ein richtiger Mann so sein kann. Denn ich glaube daran, dass man, wenn man sich wirklich gern hat, auch Gefallen daran findet, seiner Frau/ Freundin einen Gefallen zu tun und sich gegenseitig zu entlasten! Kiko entschuldigt seine Passivität im Haushalt immer damit, dass er ja soviel arbeitet. Doch es ist nicht so als würde Michelle nicht arbeiten! Sie hat zwei Jobs und verlässt genau wie er morgens um halb 7 das Haus, um zur Arbeit zu fahren. Achja, Kiko frühstückt jeden Morgen bei seiner Mama. Ich glaub, ich weiβ deshalb nicht so richtig wohin mit meinen Gefühlen, weil ich meinem Mann schon längst mal die Meinung gesagt hätte!!! Aber ich bin auch in einer GANZ anderen Welt groβgeworden! Schade, dass die Frauen hier, sowie die Männer noch etwas brauchen werden, sie sind nämlich wirklich fabelhaft. Im Malkurs im Sozialzentrum herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre. Man lobt sich und lacht zusammen und jeden Tag bringt jemand was leckeres zum ´Lanche´ (Nachmittagssnack) mit. Nebenbei lernen wir noch richtige Zeichentechnik und der Tag ist um wie nix! Auβerdem haben sich schon einige Frauen gefunden, denen Beni jetzt Gitarrenunterricht gibt. Eine sehr lustige Runde!
Eine Sache darf ich nicht vergessen, nicht nur das Beni mit Ausdauer und Vergnügen malt und ein Vorbild im Haushalt ist. Er liegt grad neben mir auf dem Sofa und liest!! Und zwar schon das zweite Buch! Ich weiss nicht ,was passiert ist und vielleicht sind es einfach die richtigen Bücher gewesen ( erst „Der Zauberer von Oz“ und jetzt „Dracula“ von Bram Stocker im englischen Original!), aber ich freue mich!
Heute ist schonwieder Sonntag und wir haben den Malkurs erfolgreich beendet! Sehr stolz und müde haben wir am Freitag die Pinsel zur Seite gelegt und noch einmal für alle Teilnehmer etwas brasilianische/irische und deutsche Musik gemacht! Begeisterung machte sich breit!
In diesem Moment kam auch eine Freundin von Agnes vorbei, die uns für Samstag auf ihre Chácara eingeladen hat (was so viel heisst wie mittelgrosse Farm). Sie war völlig von den Socken und bat uns unsere Instrumente mitzunehmen!
Am Samstag Morgen besichtigten wir dann zum ersten Mal das lokale Schwimmbad und nahmen natürlich auch ein entspanndes Bad. Um dort schwimmen zu können mussten wir nämlich extra dem Matupá Schwimmclub beitreten. Jetzt hatten wir um 8 Uhr Morgens die Becken vollkommen für uns alleine und genossen das badewannenwarme Wasser. Um 8 Uhr steigt die Temperatur hier dann auch schon in Richtung der 30 Grad! Das Wetter ist hier wirklich super! Entweder es ist richtig schön heiss, oder es regnet kurz. Kalt ist es eigentlich nie, denn nach dem Regen kommt immer wieder die Sonne raus. Es sind die perfekten Bedingungen um hier die Pflanzenwelt gedeien zu lassen! Viel Sonne und ebensoviel Regen, denn wenn es regnet, dann in Sturzbächen!
Auf der Chácara konnten wir dann diese einzigartige Natur bewundern. Ein Gelände voll mit Tieren, Gemüse, Obst, einem See mit Fischen und direkt dahinter der Urwald. Unsere Gastgeber schlachteten ein glückliches, freilaufendes Huhn und versuchten einen Fisch zu fangen, damit wir ihn zum Mittagessen verspeisen konnten. Zum Ende des Mittagessens gelang es dann wirklich einen ca 10 Kilo Fisch aus dem See zu ziehen!! Der wurde dann direkt ausgenommen und wir wurden für den Abend nochmal eingeladen, den gegrillten Fisch zu verspeisen! Herrlich! Auf dem Gelände befand sich auch ein Truthahn, der erste den ich jeh gesehen habe, der sein Heim besser verteidigte als jeder Hund. Er plusterte sich auf und lief hinter uns her um uns anzukrähen! Ich konnte ihn später nur mit einem Besen vertreiben, weil er nicht von uns abgelassen hat! (Die erste ernsthafte Gefahr in Brasilien bis jetzt!) Ganz nach Hundemanier verfolgte er unser Auto auf dem Rückweg gackernd und sich aufplusternd! Eben ein wirklich garstiges Ding! Verrrückt!
Dieser Tag war wunderbar. Wir sassen am See und tranken frischen brasilianischen Rotwein (eine Art Federroten- Verschnitt, der einfach ganz anders schmeckt als unser Wein, da die Trauben hier einen anderen Geschmack haben!), machten Musik speisten vorzüglich und sangen zusammen traditionell brasiliansiche Lieder! Am Abend haben wir das dann im Haus unserer Gastgeber in der Stadt fortgesetzt. Wir aβen unseren errungenen Fisch und sangen und tranken bis es Zeit war zu gehen. Dort trafen wir auch den Pater der Gemeinde Matupá, der uns für die nächste Woche eingeladen hat, mit ihm in die umliegenden Gemeinden zu fahren, die eher klein sind und verstreut um Matupá herum liegen. Dort leben die Leute noch unter etwas einfacheren Umständen. So werden wir am Dienstag mit ihm (und seiner Haushälterin) aufbrechen um noch mehr Leute zu treffen und mehr Eindrücke zu bekommen!
Achja, am Samstag kam auch eine Geigenschülerin, die ich (Sophia) in der nächsten Woche weiter unterrichten werde! Ausserdem haben wir heute am Sonntag eine Art Häusschen am See gemietet um dort den ganzen Tag Churrasco zu machen. Um 9.30 Uhr gings mit Sack und Pack zum See und das Feuer wurde entzündet! Nach und nach trudelten alle möglichen Leute ein und wir lachten, spielten, tranken, machten wieder Musik, sangen traditionelle brasilianische Lieder und fütterten die Fische im See, die ungefähr das Kaliber von unserem gefangenen hatten! Am nächsten Samstag und Sonntag wird der See zum Fischen freigegeben und wir haben schon Verabredungen getroffen, um unser Glück zu versuchen !
Ausserdem hat sich der Giovanni, Vater der kleinen Marianna (2 Wochen alt, sie ist Michelles und Kikos Patenkind) für Morgen zum Geigenunterricht angemeldet! Sehr spannend!
Wie ihr seht gehts auf und ab, ab meistens auf, weil so viel tolles passiert.
Im Moment haben wir ein bisschen Sehnsucht nach Deutschland, weil die Zeit auch jetzt schnell vergehen wird, und dann sind wir zurück!!
Also macht euch schonmal gefasst auf Besuchsanfragen!
Bis Dahin Alles Liebe und bis bald!
Beni und Sophia
Mittlerweile sind wir schon in Matupá angekommen und fast eingelebt.
Gut geht´s uns auf jeden Fall, wenn ich unsere letzte Woche beschreibe werdet ihr verstehen warum! Vom Busbahnhof wurden wir von Michelle abgeholt, bei der wir nun wohnen. Sie und ihr Mann Kiko haben hier ein wunderschönes Haus mit Garten und Veranda. Da sie auch junge Hunde haben, wurde extra die Veranda eingezäunt und am ersten Tag kam direkt noch der Handwerker, der für uns Haken in die Wände schraubte, damit wir uns in der Hängematte räkeln können. Wir haben hier ein superschönes Zimmer, in dem wir zusammen wohnen dürfen. Michelle und Kiko sind zum Glück nicht so streng religiös, dass wir dafür erst verheiratet sein müssen. Es kommen allerdings jeden Tag zwei Frauen (wir glauben es sind Mutter und Tochter) zu uns, die hier saubermachen. Es wird jeden Tag ordentlich geschrubbt, aufgeräumt, gespült, unser Bett gemacht und unsere Wäsche gewaschen. Mit Mühe und Not dürfen wir manchmal unser Bett selber beziehen, oder unser Geschirr abwaschen. Es ist verrückt! Am ersten Tag wurden wir natürlich überall präsentiert! Im Sozialzentrum, in dem Agnes arbeitet, im Schwesternhaus, in dem wir mit den Agnes Kolleginnen zusammen aβen und bei den Nachbarn von Michelle und Kiko. Ich (Sophia) habe am Dienstag schon mit einer Frauengruppe lokale Nudel und Teigspezialitäten hergestellt und durfte auch unsere selbstgemachten Nudeln mit nach Hause nehmen. Unsere Tätigkeit wurde zwischendurch auch mal durch einen Stromausfall unterbrochen und die unverordnete Pause mit Frage und Antwort Spielchen genutzt. Beni war schon lange unterwegs, da sich hier in Matupá einige Leute gefunden haben, die gerne Gitarrenunterricht nehmen wollen und er konnte bereits seine erste Stunde geben. SO lief es dann auch weiter....Während ich (Sophia) mit einer Handarbeitslehrerin (die auch so war wie man sich eine Handarbeitslehrerin vorstellt) eine Knüpf/Knotentechnik nahmens Macramé lernte (@ Inga: da kann ich einiges zu deinem Geschäft beisteuern) war Beni schon wieder unterwegs und gab Unterricht. Nächste Woche werde ich mit Agnes sticken lernen ( ich werde hier noch alles nachholen, was es in meiner Schulzeit in Deutschland schon nicht mehr gab!!) Aber hier ist Handarbeit den Frauen einfach auch nützlich, weil sie sich damit Geld dazu verdienen können, wenn sie die selbstgemachte Sachen wieder verkaufen können!
Achja, Churrasco haben wir natürlich auch schon veranstaltet, am extra eingerichteten Churrasco Auβengrill! Am Donnerstag waren dann noch Freunde von Michelle und Kiko zu Besuch, mit dem gerade neuen, 2 Wochen alten Bebézinho Marianna! Mein Gott hatte die schon Haare! War aber den ganzen Abend gut zufrieden und wir konnten Pizza brasilianischer Art und natürlich nocheinmal Bolo de Cebola ( Zwiebelkuchen) geniessen. Wieder einmal sehr gut angekommen! Wir müssen auch immer schön fürs Essen bezahlen, aber nur mit Musik! So spielen wir dann erfreut auf und fragen uns ob das nicht in Deutschland auch funktionieren könnte ;). Freitag hat mit die Kollegin von Agnes eine Ganzkörpermassage gegeben, vom kleinen Zeh bis zum Scheitel und da ich mich auf unerklärliche Weise erkältet habe, bin ich danach in der Hängematte eingeratzt und habe erstmal den ganzen Nachmittag verschlafen. Beni gings genauso und jetzt kurieren wir gerade beide ein bisschen vor uns herum. Abends waren wir mal wieder bei den Nachbarn, weil am Wochenende immer der Hausherr von seiner Fazenda zurückkehrt, die 160 km entfernt liegt. Ein richtiger Cowboy also, der jeden Tag um 4 Uhr aufsteht und seine Morgen mit dem Pferd besichtigt und die Tiere mit dem Lasso fängt! Heute Morgen waren wir dann beim Japonese, (mehr oder weniger der einzige Japaner in der Gegend, deswegen kennen ihn alle unter dem Namen ´Japaner`) Er hat in der Nähe von Matupá eine Farm auf der er alle Sorten von Früchten anbaut und verkauft. Wir fuhren also durch Reihen von Bananenbäumen, Ananasbüscheln (die in der Erde wachsen und nur die Blätter schauen heraus) und Kokospalmen zur Farm und kauften eine Kiste Maracujás und eine Tüte Mamãos (bei uns Papaya) für 15 Reais! Danach sind wir noch schnell in Agnes Homäopathie Apotheke geflitzt und haben uns ein selbsthergestelltes Salbeiextrakt mitgeben lassen, das wir nun dreimal täglich gegen unsere Erkältung schlürfen! Im Sozialzentrum befindet sich nämlich ein riesiger Garten mit allen möglichen Heilpflanzen, aus denen Agnes und einen andere Schwester natürliche Medikamente herstellen.
Am Wochenende waren wir noch mit Agnes in Peixoto, einer gröβeren Stadt in der Nähe. In der Umgebung gibt es immernoch Goldvorkommen (und Sucher) und so war Peixoto bis vor 15 Jahren noch eine richtige Goldgräberstadt ohne geteerte Strassen, mit Pferden und Karren und Cobwoys , die sich in der Stadt mit ihrem kurzfristig gewonnenen Reichtum eine Bleibe bauten. Nachdem der Strom der Sucher abgeebbt war, verlieβen ca. 70 % der Leute Peixoto und hinterlieβen eine Geisterstadt. Die Häuser verfielen, Hotels wurden geschlossen und nur langsam kehrte wieder Leben ein. Heute ist immernoch nur die Hauptstraβe , die mitten durch die Stadt führt, geteert. Hier sieht es schon ziemlich modern aus, rechts und links finden sich immer wieder Klamotten- oder Schuhgeschäfte. Aber als wir mit Donna Menina (Agnes 20 Jahre altem VW) durch die Schlaglöcher der Seiten“strassen“ kurvten, kamen wir zwar ohne Blessuren davon, erhielten aber einen Eindruck wie man sich die Stadt im verlassenen Zustand vorstellen kann. Mittlerweile haben andere Leute die verlassenen Häuser bezogen, aber viele stehen immernoch leer und bieten eine klassische Westernkulisse, mit gesprungenen Glasfenstern, längst erloschenen „HOTEL“ Schildern, tiefgebräunten Männergesichtern auf ausgemärgelten Pferden sitzend umgeben vom umherwehenden, roten Sand. Es fehlt nur das Grasbüschel, das vom Wind angetrieben durch die Stadt rollt.
Mittlerweile ist schon wieder Dienstag. Beni und Ich machen einen Malkurs!! Alle paar Minuten erklärt die Lehrerin einen Strich mit den Worten „Sem medo, ser feliz!“ (Ohne Angst, sei glücklich!)Ist das nicht schön!
Ja, Beni malt, und wie! Es macht ihm sogar Spaβ! Jetzt sitzen wir jeden Tag von 7- 11 und von 13- 17 Uhr im Sozialzentrum und malen die schönsten Sachen! Um 10.30 Uhr hauen dann die ersten Frauen ab, weil sie zu Hause Mittagessen machen müssen. Was uns zur folgenden, etwas komplizierteren Situation für uns, führt. Wir sind hier in einer Stadt, oder einem Teil des Landes gelandet, indem die Emanzipation so ca 20-30 Jahre hinterherhinkt. Was sich wie folgt niederschlägt: Im Haus von Michelle und Kiko ist die Frau für alles zuständig! Sie macht das Essen, deckt den Tisch, räumt auf, putzt, wäscht und zu guter letzt tut sie ihrem Mann noch das Essen auf den Teller und schüttet ihm die Getränke ein. Und das ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern Regel. Ich kann gar nicht so richtig beschreiben, wie wir uns hier manchmal fühlen. Es gibt immer wieder tolle Abende, an denen zum Beispiel die Nachbarn und Tante Agnes zu Besuch kommen und wir musizieren und singen bis in die Nacht. Da kann es auch schonmal passieren, dass Kiko mir auch ein Bier anbietet...
Wir gehen auf jeden Fall im Moment so damit um, dass wir hier die Mär verbreiten, dass die Männer in Deutschland im Haushalt mithelfen. ( Worauf Michelle mit groβem Erstauenen reagierte und es allen Freunden und Bekannten erzählte...) Wir haben sogar auch schon erzählt, dass wir Männer in Rio getroffen haben, die dasselbe tun. Diese Information wurde noch ungläubiger aufgenommen.
Aber diese Diskriminierung der Frau im Alltag ist hier so gegenwärtig, wie es das veraltete (total überflüssige) Gehabe der Männer ist. So setzt sich Kiko jeden Mittag an den gemachten Tisch, zeigt Michelle einen erhobenen Daumen, wenn‘s ihm schmeckt, und verschwindet danach ins Schlafzimmer. Wenn wir abends gemeinsam den Tisch abräumen, liegt er schon längst auf dem Sofa vor dem Fernseher. Noch krasser ist, dass Michelle uns erzählt hat, dass die Familie, bzw. seine Mutter, die Michelle wegen ihrer Hautfarbe nicht mag (sie ist schwarz), ihm eingeredet hat, sie dürfte nicht studieren gehen! Zum Glück hat sie sich da durchgesetzt! Es ist so verrückt!
Beni ist wirklich ein Goldstück und lebt ein absolutes Exempel an Vorbildlichkeit. Wir helfen Michelle jeden Tag zusammen beim Essen machen, Tisch decken und Abwaschen. So wie es einfach nett ist , wenn man zu Gast ist und sich mag. Doch Kiko kann nicht über seinen Schatten springen. Als wir ihm vorschlugen, doch einmal in der Woche seine Frau zu entlasten und Essen zu machen, hob er nur den Zeigefingen und bewegte ihn von links nach rechts. Was soviel bedeuten soll wie „Nein!“ Ich sehne mich gerade wirklich ab und zu nach unserer Umgebung in Deutschland wo ein Zusammenleben unter moderneren Umständen möglich ist! Wie sehr ich jetzt zu schätzen weiβ, wie weit Deutschland in Fragen der gelebten Emanzipation schon ist, kann ich gar nicht sagen. Auβerdem ist es sehr gut, dass Beni hier ist und Kiko mal zeigt, wie ein richtiger Mann so sein kann. Denn ich glaube daran, dass man, wenn man sich wirklich gern hat, auch Gefallen daran findet, seiner Frau/ Freundin einen Gefallen zu tun und sich gegenseitig zu entlasten! Kiko entschuldigt seine Passivität im Haushalt immer damit, dass er ja soviel arbeitet. Doch es ist nicht so als würde Michelle nicht arbeiten! Sie hat zwei Jobs und verlässt genau wie er morgens um halb 7 das Haus, um zur Arbeit zu fahren. Achja, Kiko frühstückt jeden Morgen bei seiner Mama. Ich glaub, ich weiβ deshalb nicht so richtig wohin mit meinen Gefühlen, weil ich meinem Mann schon längst mal die Meinung gesagt hätte!!! Aber ich bin auch in einer GANZ anderen Welt groβgeworden! Schade, dass die Frauen hier, sowie die Männer noch etwas brauchen werden, sie sind nämlich wirklich fabelhaft. Im Malkurs im Sozialzentrum herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre. Man lobt sich und lacht zusammen und jeden Tag bringt jemand was leckeres zum ´Lanche´ (Nachmittagssnack) mit. Nebenbei lernen wir noch richtige Zeichentechnik und der Tag ist um wie nix! Auβerdem haben sich schon einige Frauen gefunden, denen Beni jetzt Gitarrenunterricht gibt. Eine sehr lustige Runde!
Eine Sache darf ich nicht vergessen, nicht nur das Beni mit Ausdauer und Vergnügen malt und ein Vorbild im Haushalt ist. Er liegt grad neben mir auf dem Sofa und liest!! Und zwar schon das zweite Buch! Ich weiss nicht ,was passiert ist und vielleicht sind es einfach die richtigen Bücher gewesen ( erst „Der Zauberer von Oz“ und jetzt „Dracula“ von Bram Stocker im englischen Original!), aber ich freue mich!
Heute ist schonwieder Sonntag und wir haben den Malkurs erfolgreich beendet! Sehr stolz und müde haben wir am Freitag die Pinsel zur Seite gelegt und noch einmal für alle Teilnehmer etwas brasilianische/irische und deutsche Musik gemacht! Begeisterung machte sich breit!
In diesem Moment kam auch eine Freundin von Agnes vorbei, die uns für Samstag auf ihre Chácara eingeladen hat (was so viel heisst wie mittelgrosse Farm). Sie war völlig von den Socken und bat uns unsere Instrumente mitzunehmen!
Am Samstag Morgen besichtigten wir dann zum ersten Mal das lokale Schwimmbad und nahmen natürlich auch ein entspanndes Bad. Um dort schwimmen zu können mussten wir nämlich extra dem Matupá Schwimmclub beitreten. Jetzt hatten wir um 8 Uhr Morgens die Becken vollkommen für uns alleine und genossen das badewannenwarme Wasser. Um 8 Uhr steigt die Temperatur hier dann auch schon in Richtung der 30 Grad! Das Wetter ist hier wirklich super! Entweder es ist richtig schön heiss, oder es regnet kurz. Kalt ist es eigentlich nie, denn nach dem Regen kommt immer wieder die Sonne raus. Es sind die perfekten Bedingungen um hier die Pflanzenwelt gedeien zu lassen! Viel Sonne und ebensoviel Regen, denn wenn es regnet, dann in Sturzbächen!
Auf der Chácara konnten wir dann diese einzigartige Natur bewundern. Ein Gelände voll mit Tieren, Gemüse, Obst, einem See mit Fischen und direkt dahinter der Urwald. Unsere Gastgeber schlachteten ein glückliches, freilaufendes Huhn und versuchten einen Fisch zu fangen, damit wir ihn zum Mittagessen verspeisen konnten. Zum Ende des Mittagessens gelang es dann wirklich einen ca 10 Kilo Fisch aus dem See zu ziehen!! Der wurde dann direkt ausgenommen und wir wurden für den Abend nochmal eingeladen, den gegrillten Fisch zu verspeisen! Herrlich! Auf dem Gelände befand sich auch ein Truthahn, der erste den ich jeh gesehen habe, der sein Heim besser verteidigte als jeder Hund. Er plusterte sich auf und lief hinter uns her um uns anzukrähen! Ich konnte ihn später nur mit einem Besen vertreiben, weil er nicht von uns abgelassen hat! (Die erste ernsthafte Gefahr in Brasilien bis jetzt!) Ganz nach Hundemanier verfolgte er unser Auto auf dem Rückweg gackernd und sich aufplusternd! Eben ein wirklich garstiges Ding! Verrrückt!
Dieser Tag war wunderbar. Wir sassen am See und tranken frischen brasilianischen Rotwein (eine Art Federroten- Verschnitt, der einfach ganz anders schmeckt als unser Wein, da die Trauben hier einen anderen Geschmack haben!), machten Musik speisten vorzüglich und sangen zusammen traditionell brasiliansiche Lieder! Am Abend haben wir das dann im Haus unserer Gastgeber in der Stadt fortgesetzt. Wir aβen unseren errungenen Fisch und sangen und tranken bis es Zeit war zu gehen. Dort trafen wir auch den Pater der Gemeinde Matupá, der uns für die nächste Woche eingeladen hat, mit ihm in die umliegenden Gemeinden zu fahren, die eher klein sind und verstreut um Matupá herum liegen. Dort leben die Leute noch unter etwas einfacheren Umständen. So werden wir am Dienstag mit ihm (und seiner Haushälterin) aufbrechen um noch mehr Leute zu treffen und mehr Eindrücke zu bekommen!
Achja, am Samstag kam auch eine Geigenschülerin, die ich (Sophia) in der nächsten Woche weiter unterrichten werde! Ausserdem haben wir heute am Sonntag eine Art Häusschen am See gemietet um dort den ganzen Tag Churrasco zu machen. Um 9.30 Uhr gings mit Sack und Pack zum See und das Feuer wurde entzündet! Nach und nach trudelten alle möglichen Leute ein und wir lachten, spielten, tranken, machten wieder Musik, sangen traditionelle brasilianische Lieder und fütterten die Fische im See, die ungefähr das Kaliber von unserem gefangenen hatten! Am nächsten Samstag und Sonntag wird der See zum Fischen freigegeben und wir haben schon Verabredungen getroffen, um unser Glück zu versuchen !
Ausserdem hat sich der Giovanni, Vater der kleinen Marianna (2 Wochen alt, sie ist Michelles und Kikos Patenkind) für Morgen zum Geigenunterricht angemeldet! Sehr spannend!
Wie ihr seht gehts auf und ab, ab meistens auf, weil so viel tolles passiert.
Im Moment haben wir ein bisschen Sehnsucht nach Deutschland, weil die Zeit auch jetzt schnell vergehen wird, und dann sind wir zurück!!
Also macht euch schonmal gefasst auf Besuchsanfragen!
Bis Dahin Alles Liebe und bis bald!
Beni und Sophia

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